Samstag, 27. Oktober 2018

Amasra


Beim Spaziergehen in Amasra, Fotos: Murat Bilgen




Unser Frühstück fand an einer Flussmündung statt. Eine idyllische Landschaft, grün, etwas dunkel und leicht metallisch in der Morgensonne wirkend. Der Fluss, ein ins Blau gehendes Grün, floss ruhig. Das Restaurant direkt über dem Wasser gebaut, zumindest zum Teil. Es war um neun Uhr morgens bereits so heiß, dass wir die Schattenplätze auf der Innenseite der großen Veranda einnehmen mussten, anstatt mit direkter Sicht auf den Fluss. Es gab „Serpme Kahvaltı“, ein typisch türkisches Frühstück. „Serpme“ heißt „hingeworfen“, „verteilt“ oder „ausgebreitet“ und meint die verschiedenen Sachen, die zum Essen auf dem Tisch verteilt sind. Das waren bei unserem Frühstück zwei verschiedene Sorten Oliven, drei unterschiedliche Varianten an Käse, Butter, Süßrahm, Honig, Marmelade, klein geschnittene Gurken und Tomaten, in Butter gebratene Scheiben „Sucuk“ (Knoblauchwurst), Omelett und gebratene Kartoffeln. Dazu Toast und Weißbrot. Jeder Tisch bekam eine Kanne türkischen Tee und Wasser, für die Kinder gab es Kakao.




Für eine wie mich, die überhaupt nicht gerne frühstückt, die - wenn es sein muss - eine Scheibe Toast mit Marmelade mehr als ausreichend empfindet, war das eine Herausforderung: was esse ich, wie und in welcher Reihenfolge. Es waren viele kleine Tellerchen, die wie aus dem Puppenhaus geholt worden zu sein schienen. Man isst von allem etwas. So wird das Brot nicht in Scheiben geschnitten und beschmiert wie in Deutschland, was bei diesem türkischen Weißbrot auch unmöglich wäre. Es gibt dicke Scheiben, die in Mundportionen gezupft und mit den Sachen von den Tellern zusammen gegessen werden. Man kann diesen Happen vorher belegen oder nacheinander aufessen, ich meine erst das Brot und dann den Käse hinterher. Und so mancher Deutschtürke hatte sich nach seiner Rückkehr in die Türkei nach dem deutschen Brot gesehnt, das in Scheiben schneidbar ist. Es gibt inzwischen bei den meisten Bäckereien auch ein Vollkornbrot, das aber höchstens dem Namen nach dem Deutschen gleicht. Brot wird hier frisch zum Essen gekauft. Es wird stets frisch gebacken, mehrere Male am Tag. In dem Viertel, wo meine Schwestern wohnen, gibt es einen Bäcker, der dort alles zubereitet und backt. Eine Fertigteiglieferung kennt man dort noch nicht.



Auf dem Weg nach Amasra



Nach dem Frühstück brachen wir auf. „Wir haben noch eine Fahrt von etwa fünf Stunden“, sagte mein Schwager, der alles generalstabsmäßig geplant hatte. Das Ziel war Amasra, eine kleine Stadt, die auf einer Halbinsel und einer nahen Insel verteilt ist und die mit einer aus der Römerzeit stammenden alten Brücke verbunden sind. Mit den alten Namen Sesamos oder Amastris liegt sie, etwa 200 km von Istanbul entfernt an der Schwarzmeerküste, in der antiken Landschaft Paphlagoniens. Die Stadt ist nach einer persischen Adligen benannt, der Amastris, die angeblich von ihren beiden Söhnen wegen Herrschaftsanspruchs umgebracht wurde. Bis 1460 war Amasra unter genuesischer Herrschaft. Danach fiel sie durch die Eroberung von Sultan Mehmet II. mit der gesamten anatolischen Küste des Schwarzen Meeres zum osmanischen Reich, wonach Amasra aufblühte und wohlhabend wurde.





















Dann kamen wir. Allerdings nicht so früh, wie mein Schwager es geplant hatte. Es war bereits Nachmittag, 16 Uhr. Unser Hotel (http://www.sardiniaotel.com/ )befand sich mitten in der Altstadt, klein aber (sehr) fein. Meine Tochter gierte nach dem Meer und war nicht mehr aufzuhalten. Es tat uns allen gut und so sind wir in der schönen Abendsonne am Stadtstrand schwimmen gegangen.

Es wurde langsam dunkel. Wir machten uns auf unseren Zimmern fürs Abendessen frisch. Wir gingen in ein Fischrestaurant (Mustafa Amca'nın Yeri) direkt ans Meer. (http://www.amasracanlibalik.com/) Es gab die typischen Mezes, die kalt oder warm sein können. In einem solchen Restaurant wird nicht individuell bestellt. Die Esskultur ist hier etwas anders. Vorspeise, Hauptgericht und Süßes wird für die Mitte ausgewählt, wobei jeder seinen Wunsch äußert. Aber: es wird zusammen gegessen, jeder von jedem. So bestellen wir mehrere Vorspeisen.Das Hauptgericht hat jedoch jeder selbst ausgewählt. Ich hatte „Hamsi Tava“, kleine Sardellen, die in Maismehl gewendet und in der Pfanne gebraten werden. Dieses schmeckte den Kindern so gut, die ihr Essen, gebratener Lachs, haben liegen lassen, um meine „Hamsis“ zu verputzen. So aß ich den Lachs, um satt zu werden. Aber das kannte ich bereits von meiner Tochter. Sie bestellt immer das, was sie kennt. Beim Fisch ist es Lachs, beim Eis immer Schokolade. Dann probiert sie von meiner Bestellung und will mit mir tauschen, weil ihr meins besser schmeckt. So bestelle ich zwar immer etwas Besonderes, esse aber dann sehr oft den Lachs.


Hier in den touristischen Gegenden, wenn auch überwiegend inländischer Fremdenverkehr, kann man in vielen Restaurants Alkohol bestellen. In anderen Orten hingegen gibt es wenig Restaurants mit Alkoholausschank. So war das unser einziges Restaurant, wo wir während unserer Reise Alkohol getrunken haben. Als hätten wir das gewusst, tranken wir noch ein Bier in der Bar gegenüber dem Hotel, bevor wir ins Bett gingen.


Die Stadt ist klein. Erst am nächsten Morgen hatten wir die Gelegenheit, sie zu besichtigen. Mit zwei Kindern und zwei Frauen war es für meinen Schwager nicht einfach, seinen Zeitplan einzuhalten, den er sich in mühevoller Arbeit vorab erstellt hatte. So standen wir spät auf, ließen uns reichlich Zeit beim Frühstücken und mussten noch unbedingt von dem Stand vor dem Hotel Sonnenhüte kaufen. Nun begannen wir auszusuchen, dabei fast jeden Hut aufzusetzen und ebenfalls uns für die bunten Tücher zu interessieren, die an den Rändern schöne Perlenstickereien hatten. Sie heißen im Volksmund „Çember“. Da stand ein älterer Herr bei uns und stimmte sogleich ein altes türkisches Lied an „Çemberimde Gül Oya, Gülmedim Doya Doya“. Wir stimmten mit an, sangen mit, meine Schwester zuerst, dann ich, soweit ich das Lied kannte. Murat, der Schwager, war hingegen fassungslos und entsetzt, wie wir später erfahren haben, denn er wollte schnell ein paar schöne Fotos von der Burg machen, vom blauen Meer, das drunter lag, und dann weiterfahren, um in der Zeit zu bleiben.

Hier das Lied zum Nachsingen aus einer alten Plattenversion, die musikalisch vielschichtiger ist als die neuen Interpretationen.



Aber wir Frauen wollten mit dem alten Mann erst zu Ende singen. Später auf der kleinen Insel, die ein normaler Mensch ohne Kind an der Hand oder auf dem Arm in 10 Minuten hätte durchwandern können, brauchten wir eine Stunde, unter anderem weil wir Wasser kaufen und daraufhin auf die Toilette gehen mussten und auch noch von der Frau, die ihre selbstgemachte Marmelade am Straßenrand anbot, jede einzelne probieren und mit ihr diskutieren mussten, um dann drei Gläser von ihr zu kaufen.

Dabei ist mir aufgefallen, dass diese Arbeiten, etwas selbst machen und zu verkaufen, die Frauen in der Türkei besser beherrschen als die Männer. Sie haben einen Geschäftssinn und sind sehr tüchtig. Bauersfrauen, mit gegerbtem Gesicht und Arbeitshänden, hatten jedoch alles sehr genau und gut vorbereitet. Sie haben fein säuberlich ihre Ware in kleinen Gläsern aufgestellt. Daneben offene Gläser zum Probieren. Sie reichte uns kleine Plastiklöffel, die sie nach Gebrauch wieder sammelte und von denen ich ausgehe, dass diese am Abend für den Gebrauch am nächsten Tag gewaschen wurden. Sie hat nichts zu verschenken und zu verschwenden ebenfalls nicht. Und so sprach sie jeden an, der am Stand vorbeilief, während ihr fauler Mann mit seinen Freunden etwas Abseits am Haus saß und „Tavla“ (Backgammon) spielte. Wir probierten ihre speziellen Sorten Marmelade, die zum Teil aus Früchten, zum Teil aber auch aus Blütenblättern gemacht waren. Es gab unter anderem Rose, Jasmin, und Tausendgüldenkraut zum Probieren. Am interessantesten fand ich jedoch Chili- und Milchmarmelade.

Freitag, 28. September 2018

Aufbruch

"Wo auch immer Du hingehst, dort bist du."
Konfuzius



Meine Tochter Daphne und ich landeten in Istanbul. Ein schwüler Abend. Reisestimmung, auch bei meiner Schwester und ihrer Familie, die aus ihrem Mann Murat und ihrer Tochter Zeynep besteht. Es sei alles eingepackt, sagte sie. Und der Kühlschrank leer, also auf zu einem Restaurant.

Ein gigantisches Einkaufszentrum… Als Murat, mein Schwager, in die Tiefgarage fuhr, rümpfte ich die Nase. Schon wieder einer dieser pompösen Tempel des Konsums. Dieser war jedoch nur dem Essen gewidmet: ein monothematisches Riesen-Oval, an eine Arena erinnernder Gebäudekomplex, wo später am Abend Elvis im Wasser-Nebel „Jailhaus Rock“ sang. In der Mitte ein großes Wasserbecken mit verschiedenen Fontänen, die abwechselnd mit Musik und Feuer ein Schauspiel darboten; drum herum die Essensläden, Restaurant an Restaurant aneinandergereiht, auf zwei Stockwerken. Von einfachen Simit-Cafés, wo man Sesamkringel in allen Variationen bekam, bis zum teuren Steakhaus und japanischer Küche: es war alles dabei. Was mich besonders positiv stimmte, waren die Menschen. Klein, groß, mit vielen Kindern unterwegs, schlendernd, Eis schleckend. Eine schöne Atmosphäre, um so den Urlaub zu beginnen.



Versöhnlich stimmte mich am Konzept eine gewisse Einhaltung einer früheren Handelstradition. In alten Basaren sind Anbieter bzw. Handwerker gleichen Berufsstands in einer Straße angesiedelt. So war es für den Kunden einfacher, einen Überblick zu bekommen, über Markt und Preise, für Handwerker ein besserer Wissenstransfer. Und so war ich überrascht, dieses „AWM“, wie die Einkaufszentren in der Türkei abgekürzt werden, monothematisch, heißt, nur auf Essen beschränkt, vorzufinden.

Diese Art von Ansammlung gibt es nach wie vor in anderen Bereichen. Es gibt die Goldjuweliere, die in den Städten nebeneinander in einer Straße oder in einem Straßenabschnitt zu finden sind. Die Straße ist oft inoffiziell nach ihnen benannt, wie z. B. „Kuyumcular sokagi“, die Straße der Juweliere, oder „Bakircilar sokagi“, die der Kupferflicker, die es in kleinen Städten nach wie vor gibt, wo man von der Straße aus Kupfer formenden oder kleine Handverzierungen machenden Meistern zuschauen kann. Diese kleinen Läden sind für den Betrachter offen. Es gibt keine Trennung nach Verkaufsraum und Arbeitsraum.

Wenn ich nach Istanbul fliege, dann bin ich keine Touristin. Ich bin dann eine, die für eine kurze Zeit dort lebt. So gehe ich morgens einkaufen, sobald ich dort eintreffe, in den zwei Wohnungen meines Vaters, die von meinen Schwestern bewohnt werden. Da habe ich meinen Schneider, dem ich zu reparierende Sachen vorbeibringe, da ist mein Friseur, der mir die Haare schneidet und sonstige Schönheitsmaßnahmen vornimmt. Es ist ruhig dort, trotzdem habe ich alles was ich für den Tag brauche. Ich möchte fast sagen, dass man fast alle 100 Meter so einen kleinen Tante-Emma-Laden finden kann.

Wie rechnet sich das? Können sie davon leben? Es ist nicht so, dass die großen Supermärkte sich dort nicht angesiedelt hätten. An der alten E5, einer sechsspurigen Hauptstraße, die viele Bezirke miteinander verbindet, die allerdings zu jeder Tageszeit verstopft ist, gibt es einen „Carrefour“ wie in Frankreich, der alles hat, unter anderem auch Textilien und Elektrogeräte. Diese Megasupermärkte haben die kleinen Läden Gott sei Dank nicht verdrängen können und so ist es dort nicht üblich, in der größten Hitze Wasser bei sich zu tragen wie in Deutschland. Man kommt alle Naselang an einem Laden oder Kiosk vorbei, wo eine kleine Wasserflasche - je nach Stadt - höchstens eine Lira kostet. Und so sagen die Istanbuler süffisant, ein Kapitalist sei, wer eine Flasche Wasser für 50 Kurus verkauft und für die Benutzung der Toilette 1 Lira nimmt. Rein für die Hälfte, raus für das Doppelte, als hätte das Wasser im Körper eine Wertsteigerung oder Veredelung durchgemacht. 

Die Nacht war heiß und stickig, wie der Sommer in Istanbul immer ist. Es wehte kein Lüftchen und obwohl die Häuser in dem Viertel Bostanci nicht besonders hoch sind, kann sich der Wind nicht frei bewegen. Und so verteilt er sich in kleinen Portionen, zwischen den Reihen der vierstöckigen Gebäuden, unmöglich eine Briese für all die Menschen zu bieten, die, wie ich, am Laken klebten, mit dem einzigen Wunsch, Schlaf zu finden.

Stickig aber ruhig. Nicht mal die Hunde bellten. Auch wenn der Schlaf nicht kam in dieser erdrückenden Hitze, verhielten wir uns ruhig, wartend, dass die Nacht ein Ende hatte und wir aufstehen durften, denn wir wollten am frühen Morgen aufbrechen, nach Amasra. Das war das einzige Ziel, das ich am Beginn der Reise kannte. Alles andere sollte sich ergeben, während wir unterwegs sind. Zumindest hatte ich keine Ahnung, wohin und wie wir dahin fahren würden. Alle anderen Orte, die mein Schwager ausführlich ermittelt und die Anfahrt dazu berechnet hatte, wollte ich nicht wissen. Ich wollte mich bewusst treiben lassen.

So machten wir uns auf den Weg, packten alles in den Volvo, der immer wieder Anstalten machte durch merkwürdige Geräusche, uns jedoch trotzdem weiterfuhr, bis zum Schluss, durch ganz Anatolien und wieder zurück, nach Istanbul.

Aber alles der Reihe nach. Aus Istanbul hinauszufahren ist nicht einfach. Die Stadt ist voll. Tag und Nacht sind die Straßen, die dicken Adern, die sie mit der Welt außerhalb verbindet, verstopft. So fuhren wir auch in dieser Morgenstunde mit 30 km/h in Richtung Şile, um dort zu frühstücken. Autos, darin Menschen, Menschen ebenfalls an der Straße, wartend, in überfüllten Bussen ein- und aussteigend. Rechts und links der Straße Häuser, die sich mit den Jahren verändern, erneuern. Es entstehen dann Glastürme, teilweise so hoch, dass ich laut fragen musste, ob das alles Büroräume sind. Murat erzählte, dass viele als Wohnraum dienen und dass der Kaufpreis sehr hoch sei. Und da zogen sie an mir vorbei, ein rot gefärbtes, eins sich nach oben verjüngendes, zwei, die hoch oben durch eine Brücke verbunden waren. Wer will da schon wohnen?

An den ausgefransten Säumen der Stadt wurden die Bauten weniger; das Grün wurde hier sichtbar und nahm mehr Raum ein, worauf nun das Auge durchs sanfte Morgenlicht ruhen konnte. Die Gegend wird genutzt für die Landwirtschaft mit Kühen auf schiefen Ebenen, Treibhäusern fürs Gemüse. Im Auto herrschte bisweilen Kinderstreit, der sich in Übelkeitsattacken hineinsteigerte. Salzstangen halfen gegen Brechreiz, gegen den Streit versuchten wir zu spielen, im Rahmen unserer Möglichkeiten, in einem fahrenden Auto. Musik gehörte dazu. Wir hörten laute Musik. Zeynep, die Vierjährige wollte ständig „Cuppa“ von „Tarkan“ hören.






„Cuppa“ war für uns Erwachsene OK, nach dem Motto „Hauptsache Ruhe im Auto“, doch Daphne, meine 9-jährige Tochter, wollte ihr Lieblingslied auch mal hören. Bevor wir in eine erneute Eskalation des Streits gerieten, ging es mit dem Musikwunsch nun der Reihe nach. Das war eine schöne Idee, denn so wollten wir Erwachsene Musik aussuchen, die aus der jeweiligen Stadt oder Region kam, in der wir uns gerade befanden oder auf die wir uns hinbewegten. So war das auf jeden Fall auch eine musikalische Reise, die angereichert wurde von "Cuppa" und Ed Sheeran.


Von der Terrasse des Restaurants.



Der Weg ist immer das Ziel

Am nächsten Tag, kurz vor der Abreise, sind wir zu den drei konischen Grabstätten (Kümbet) gegangen, die aus der Zeit der Seldschuke...