Freitag, 22. Februar 2019

In meinem Dorf










Während dem einwöchigen Aufenthalt im Dorf gönnten wir uns etwas Ruhe. Hier machten wir lange Spaziergänge, unter anderem auch in der Nacht. Im Dorf gibt es keine Lichtverschmutzung und die Nacht ist richtig dunkel. Mit der Taschenlampe in der Hand zu laufen ist für einen Erwachsenen schon ein Nervenkitzel, weil man sich so herrlich hineinsteigern kann. Häuser gibt es auf der Strecke selten, dafür Geräusche, die man nicht einordnen kann. Dazu streifen Grashalme - zumindest hofft man, dass es Grashalme sind – an den nackten Waden. Die Kinder - zu unseren beiden kamen auch die zwei Söhne meiner anderen Schwester - waren ganz aufgeregt, erzählten sich Geschichten von Freddy Krüger. Außerhalb der Lichtkegel der Taschenlampe sahen wir Glühwürmchen.
Das besonders schöne hier im Dorf ist, dass es sich hier nicht viel verändert hat. Und jedes Mal, wenn ich da bin, ist es wie eine Reise in meine eigene Kindheit. Das ist beruhigend. Auch wenn sich die ganze Welt wandelt, die Gerüche, die Erinnerung im Dorf bleiben gleich. Der schönste Moment ist, wenn ich mich ans Fenster stelle, das die Sicht ins Tal zeigt. Der Dorfkern liegt im Tal, am Fuße des Flusses. Als die Population wuchs und der Platz eng wurde, hatte man weiter am Berg gebaut. So wurde mir berichtet, dass die Lieblingssöhne einer Familie den Besitz am Fluss vererbt bekamen; die weniger liebsamen schickte man in die Wildnis. So war das hier bis zu den Zeiten des Teeanbaus. Eine Gegend mit viel Niederschlag und kaum gerader Fläche, abgesehen von dem Flusstal. Und es wächst hier außer Mais und Kohl nichts. Viel Wald und viele Tiere hatten sie. Das traditionelle Essen ist entsprechend; es wird beherrscht von Maisbrot, Schwarzkohl und Fisch, wobei hier nur zwei bestimmte Sorten häufig vorkommen. „Hamsi“, eine Art Sardelle und „Palamut“, eine Bonito-Art, die es nur hier im Schwarzmeer gibt. Der Fisch wird im Herbst und Winter aus dem Meer geholt, dann in Salz eingelegt. Daraus machte man allerlei verschiedene Gerichte, die ich zwar liebe, die jedoch nicht jedermanns Geschmack sind. Eins davon ist das berühmte „Hamsikoli“. Man kann das mit frischem „Hamsi“ zubereiten oder aber mit in Salz eingelegten. Letztere müssen allerdings vorher gut gewässert werden.



Der Fisch wird dazu entgrätet, dann mit kleingeschnittenem grünem Gemüse, wie Porree und Mangold gemischt. Dazu kommt Maismehl, Olivenöl, Ei, Salz und Pfeffer und es wird ein flüssiger Teig hergestellt, der dann im Backofen gebacken wird. Herrlich! Gegessen wird es mit frischen kleinen Gartengurken.
Dieses Essen ist eben speziell, weil für viele Speisen das gepökelte Innenfett von Schafen benutzt wird. In dieser Gegend gibt es keine Ölbäume und somit war Olivenöl teuer und immer von außen zu beziehen. Daher war die Verwendung von tierischem Fett gebräuchlicher. Und das gepökelte Fett riecht streng und hat einen eigenen Geschmack, der mir bei den traditionellen Gerichten fehlen würde, aber Vielen den Magen umdreht. Es gibt keine Wurstkultur, jedoch es gibt „Kavurma“; gekochtes Rindfleisch, das für den Winter in Büchsen aufbewahrt wurde. Und mit „Kavurma“ veredelte man so manches Gericht. Dazu gab es alles, was die Kühe sonst noch so hergaben. Butter und Käse, meist als „Minci“, eine Art trockener, körniger Frischkäse, der aus gegorener Milch gemacht wird und in Stoffbeuteln zum Trocknen aufgehängt wurde. Und wollte man, dass er länger hielt, so legte man ihn zwischen zwei Steine, sodass er stark entwässert wurde.
Sobald genügend Milch da war, baute Oma im Flur, der allerdings breit war wie ein Zimmer, das Butterfass auf. Es sah aus wie ein Weinfass und wurde längst auf zwei Schlingen an die Decke der Diele angebracht. Rein kam die lauwarme Milch und Oma nahm an der Kopfseite Platz und schaukelte und schlug die Milch so lange, bis sie sich in Butter und Buttermilch aufteilte. Es war für uns Kinder schön zu beobachten, wie die Butterklümpchen erst ganz klein und dann immer größer wurden. Schließlich öffnete Oma den kleinen Deckel oben auf dem Bauch des Fasses, holte mit einer Holzkelle die großen Butterklumpen raus und tat sie in eine Salzlake. Dann drehte sie das Fass um, und lies die Flüssigkeit in einem großen Kessel hineinfließen. Wir freuten und auf diese köstliche Buttermilch.







































Es ist mir etwas aufgefallen, das mir durch meine Lektüre Ovids Metamorphosen deutlicher wurde. Die Erzählkunst, die mit dem Munde gesprochene, wohlgemerkt. Die alten Frauen, zumindest einige davon, beherrschen das brillant. Darin sind nicht nur Spannung und Hinauszögern der Geschichte enthalten, sondern ebenfalls die verschiedenen Nuancen. So wird an einer Stelle ein Wehklagen eingebaut, um die Dramatik der Aussichtslosigkeit zu erhöhen. Dieses Wehklagen, unterstützt mit heftigen körperlichen Bewegungen, lässt an Theaterkunst erinnern. Eine von ihnen, ich will jetzt bewusst keinen Namen nennen, um andere zu verärgern, ist darin besonders geübt. Von ihr kann ich sogar alte Geschichten immer wieder gerne hören, weil sie darin aufgeht. Sie verwandelt die Stimmlage, ihre Mimik verändert sich, wird sanft und zu Tode verängstigt, wenn sie ihre Situation in dem Moment beschreibt, die sie im Hause ihrer verheirateten Tochter erlebte, als der gewalttätige Schwiegersohn die Tochter immer wieder krankenhausreif schlug. Sie wird vor Augen der Zuhörer zu dieser verängstigten Frau, die nachts nicht schlafen konnte und in die Küche ging, um aus dem Fenster zu schauen, ob bereits der Morgen ergraut. Ihre Augen gehen der Reihe um. Jeder ihrer Zuhörer und Zuschauer wir einzeln davon überzeugt, dass ihre Tat lediglich die war, die zugezogene Gardine des Küchenfensters nur aus diesem einen Grund verschoben zu haben. Sie wollte doch nur wissen, ob der Muezzin bereits zum Morgengebet ausgerufen hatte.
Woher hatte sie das gelernt? Diese Erzähltechnik, diese Kombination aus allem, dieses Einsetzen der Mimik, die sich sekundenschnell ändern konnte, die auf Fragen aus dem Publikum einging, die so gut war, wie ein Schauspieler es so nie wird erlernen können. Ein Naturtalent, oder hatte sie es irgendwem abgeschaut? Das Wehklagen der Weiber hatte ich bei Ovid gelesen. Es muss sie immer wieder gegeben haben, und es gibt sie, wenn auch nur vereinzelt, nach wie vor. Diese alten Frauen im Dorf haben diese Kunst verinnerlicht und womöglich konserviert, wenn sie sonst kein Ventil haben, ihren Gefühlen oder dem erlittenen Leid Ausdruck zu verleihen.
Die Frauen hatten wahrlich kein einfaches Leben gehabt. Aber, da sie kein anderes kannten, schätzen sie sich durchaus glücklich. Ich will nicht sagen, dass ihr Leben derart bedauerlich war, auch wenn es von meiner Perspektive aus durchaus so erscheinen mag. Ist es das Leid, das diese Erzählkunst entstehen und kultivieren ließ? Oder ist es die Gabe, die das Leiden hervortreten lässt, den Charakter in diese Richtung zementieren lässt? Ich werde es nicht wissen. Stattdessen höre ich deren Erzählungen und den gelebten Sagen zu.
Es gibt aber auch andere alte Frauen, die zwar in den jungen Jahren alle erdenkliche Bosheit am eigenen Leib erlebt haben; von ihren Männern oder von ihren Schwiegereltern, doch im Alter kehrt sich das um. Meistens überleben sie ihren Ehemann und sind dann selbst die Herrscher des Clans. Sie wohnen mit den verheirateten Söhnen und dessen Familie zusammen, Haus und Hof im Dorf gehört ihnen. Und so tun sie nichts anderes mehr als in der Morgensonne vor die Tür zu treten, mit langsamen Schritten, durch Zuhilfenahme eines Gehstocks, sich gegenseitig zu besuchen und über die Wehwehchen zu klagen, und auch den Tratsch des Dorfes weiter zu verbreiten. Und wenn dann so eine wie ich zu Besuch kommt, und die alten Geschichten erzählt haben möchte, dann blüht diese alte Dame erst richtig auf. Sie lässt mich teilhaben an ihrem Reichtum. So manch einer der Zuhörer in der Runde mag sich durchaus gelangweilt fühlen, weil sie diese Geschichten bereits so oft gehört haben. Da müssen sie durch. Ich ermutige sie, sie mir immer wieder zu erzählen, weniger wegen des Inhalts, denn dieser ist inzwischen auch mir bekannt, vielmehr wegen der wahrhaftig großartigen Erzählkunst.



Der Abschied vom Dorf ist nicht besonders schwer. Meist bin ich nie länger als eine Woche da. Und jedes Mal denke ich, eine Woche ist so kurz, ich sollte länger bleiben. Die ersten Tage sind voller Enthusiasmus. Ich will jeden Winkel der Wege und das unbeschreibliche Grün in mir aufsaugen und für die Zeit des „Nichtdaseinkönnens“ speichern. Wie ein Fotoapparat knipse ich Bilder für mich, atme die Luft tief ein, die nach frischem grünen Tee riecht; speichere den Sound des Regens, der von den Zinnen auf breite Blätter hinuntertropft und auf achtlos weggeschmissene oder liegengebliebene Gegenstände trommelt, sammle die Erinnerung an kühle Abende, wie ich abwechselnd mein Gesicht und meine Fußsohlen an dem Küchenofen „Kuzina“ erwärme; horte den Blick des Hundes Eşkiya, seine lautlose Freude, wenn man sich seiner annimmt, ihn streichelt, mit ihm spielt, ihn füttert, oder mit ihm einfach einen Spaziergang macht. Eşkiya bellt niemanden an, der hier lebt, doch er verscheucht Wildschweine und Schakale, die sich oft in die Nähe der Häuser wagen, um schnelles Futter zu finden. All das ist nichts Besonderes, doch für mich das, wonach ich mich von Zeit zu Zeit sehne und mir dann immer wieder diese Eindrücke hervorrufe und mich an ihnen erfreue. Doch die anfängliche Freude, Begeisterung, Rührung nimmt mit der Dauer des Aufenthaltes ab. Alles, auch eine Wiederholung des Guten, ist zu viel. Und so vergehen die restlichen Tage mit Warten auf den Abschied. Wie kann man von allem, was man so sehr liebt, so schnell satt werden? Man sollte darin unersättlich sein, denn dann könnte ich jeden Tag aufs Neue alles genauso genießen wie am ersten Tag.










































Ajda Pekkan (für dich, nicht weil ich sie mag, aber du, weil du) "Kimler geldi, kimler gecti"


Donnerstag, 7. Februar 2019

Batumi ბათუმი



Wohnhaus in Batumi

















Unser Dorf Mişona liegt in 400 Metern Höhe auf einem kleinen Berg, ganz in der Nähe der Provinzhauptstadt Rize. Früher, als mein Vater noch ein Kind war und keine Autostraße zum Dorf existierte, da liefen die Bewohner zu Fuß in die Stadt. Dazu mussten sie von unserem Dorf aus erst bergab und dann wieder einen ähnlich hohen Berg überwinden, denn erst dahinter war die Stadt. Es gab Fußpfade auf dem kürzesten Weg hin, im Gegensatz zur heutigen Autostraße, die zunächst vom Dorf hinunter zur Flussebene führt und dann am Meer entlang in die Stadt, die ebenfalls direkt am Meer liegt. Heutzutage läuft niemand mehr zu Fuß. Alle fahren mit dem Auto und die alten Pfade liegen brach. Ich hatte es mal gewagt, den alten Weg vom Fluss hinauf zum Dorf zu laufen, den ich als Kind mit meiner Oma immer gegangen war; nur war er verschwunden. Da, wo ich ihn vermutet hatte, wuchs die Vegetation, wucherte das wilde Grün.

Mein Dorf ist für Fremde nicht interessant. Es gibt dort keine Sehenswürdigkeiten, nicht mal das Wetter ist schön. Es regnet sehr viel und sehr häufig. Ich hatte nur einmal das Glück, dort in einem einwöchigen Urlaub im Meer zu baden, wobei man sagen muss, dass das nicht immer am Wetter lag. Es ist schwierig, mit vielen Erwachsenen und etlichen Kindern erstens einig zu werden und zweitens so ein Vorhaben wie „zum Meer“ zu fahren in die Tat umzusetzen. Oft lag es an der Organisation, seltener am Wetter.

So haben wir beschlossen, nach Batumi in Georgien zu fahren. Es gibt eine offene Grenze, sodass die Bevölkerung beider Länder ohne Pass die andere Seite besuchen kann. So machten wir uns mit dem Auto auf den Weg, parkten den Wagen auf der türkischen Seite und gingen zu Fuß rüber. Drüben gab es eine große Geschäftigkeit und jede Menge Möglichkeiten, weiter ins Landesinnere zu reisen. Selbst die Sprache war kein Problem, denn viele können dort Türkisch und auch recht gut Englisch. So fanden wir ein Großraumtaxi, das uns, fünf Erwachsene und zwei Kinder ins Stadtzentrum fuhr. Der ältere Fahrer stammte aus der Türkei, ein „Laz“, so wird die Menschengruppe bezeichnet, die neben dem Türkischen auch Georgisch sprechen.



An der Grenze zu Georgien


Was ich lange nicht wusste, dass eben hier, in dieser Region der Türkei, an der östlichen Schwarzmeerküste, drei weitere Sprachen gesprochen werden. Dazu gehören die „Romeika“, also das „Pontus-Griechisch“, „Hemşin“, ein Armenischer Dialekt und „Laz“, was ebenfalls eine Mundart des Georgischen ist. Ich selbst kann leider keine weitere Sprache, doch auch in meinem Dorf gibt es vereinzelt Wörter aus der „Romeika“. An der Grenzregion zu Georgien ist die Sprache identisch. Der einzige Unterschied ist, dass die Bevölkerung auf der türkischen Seite Moslems sind und auf der anderen Seite Christen. Seit Eröffnung der Grenze in den 90igern des vorigen Jahrhunderts herrscht ein reger Austausch in dieser Grenzregion. Als wir unseren Wagen geparkt hatten, reihten sich Busse aneinander, die die georgischen Saisonarbeiter zu türkischen Städten an die Schwarzmeerküste fahren. Männer und Frauen warteten kauernd auf dem Gehweg, neben sich ihre Sachen in Koffern, Taschen und Tüten. Sie kommen mit einem Dreimonats-Visum in die Türkei und arbeiten dort in verschiedenen Berufen, unter anderem bei der Teeernte.

Onkel Sinan, ein Großcousin meines Vaters hat drei Männer, die immer zu ihm kommen, bei ihm wohnen, während den Sommermonaten mit ihm leben, ihm sogar das Winzern auf die spezielle georgische Weise beigebracht haben, wobei der Wein in Tonkrügen unter der Erde begraben wird. Tagelöhner, wobei sie  für die dortigen Verhältnisse nicht schlecht verdienen. Es sind um die 100 Lira pro Tag, das entsprach in dem Sommer 30 Euro. Vor Ort haben sie keine weiteren Ausgaben, außer Zigaretten, sofern sie rauchen, aber die meisten rauchen. Essen und die Unterkunft ist kostenlos. Und wenn Sinan nicht viel zu tun hat, wenn seine Teeplantagen geerntet sind, pflücken sie Tee für andere. Damals, als ich meine Eltern im Dorf besucht hatte, hatte mein Vater die Männer für eine Woche im Einsatz. Sie schliefen zwar nicht bei uns, aber das Essen hatten wir zubereitet.

Hier warteten sie hockend auf dem Trottoir auf den Bus. Frauen kommen häufiger, um als Krankenschwester und Pfleger in privaten Haushalten zu arbeiten. Verwandte von mir hatten für ihre gebrechlichen Eltern eine georgische Krankenpflegerin organisiert. Es zerbrach mir das Herz, diese Menschen hier zu sehen. Manche hatten ihre Kinder dabei. Erinnerungen schossen hoch. War ich doch ebenfalls das Kind eines Arbeiters in einem fremden Land. Und wer weiß, wie viele der Menschen rastlos hin und her pendeln werden, so wie ich? Sie haben es wenigstens nicht sehr weit.


Batumi, Blick vom Restaurant am Hafen


Unser Taxifahrer jedenfalls war ein türkischer Bürger, der hier in Georgien lebte, der hier arbeitete, hier eine Wohnung und ein Haus gekauft hatte. Er bezog seine Rente aus der Türkei und lebte damit in Batumi, wie er sagte, viel besser, weil sein Geld mehr wert wäre. Seine Söhne und eigentlich seine ganze Familie waren ebenfalls nach Georgien gezogen.
So fuhr er uns in die Stadt, erzählte von den gewagten Bauprojekten der Investoren, die aus Batumi ein Las Vegas der Region machen wollten. Und in der Tat waren so einige merkwürdige Bauten darunter, unter anderem ein Haus, das auf dem Kopf stand. Er setzte uns in der Nähe des Hafens ab, wo sich die Altstadt befand. Und prompt landeten wir in der „Klein-Türkei“. Lauter Dönerläden, türkische Restaurants, türkisch sprechende Touristen, die genauso hungrig wie wir waren und weil nicht jeder aus meiner Familie so experimentierfreudig ist, landeten wir in einem der türkischen Restaurants.

Vermutlich war auch hier wie in anderen fremden Ländern, in denen sich die Restaurants dem Geschmack der jeweiligen Gaumen anpassen, das Essen etwas fad, weil insgesamt zu wenig Gewürze im Fleisch und der Suppe. In der, die ich bestellt hatte, war definitiv zu wenig Knoblauch und Chili. „Kelle paça“, eine Spezialität aus gekochtem Rindskopf, verträgt eine ordentliche Portion Knoblauch und sie darf ebenfalls recht scharf sein. Das Fleisch war allerdings sehr gut. Es war lange im Sud gekocht worden und zerfiel auf der Zunge, so wie es sein musste. Später, als der Hunger gestillt war und wir mehr von der Stadt gesehen hatten, kehrten wir in einem sehr schön gelegenen großen Restaurant direkt an einem kleinen Hafen ein. Wir ärgerten uns, denn hier hätten wir die Möglichkeit gehabt, typische georgische Gerichte zu probieren. Aber wir haben dort Bier und Brause getrunken.




Es gab nicht viele Gäste. Ein paar türkische Touristen wie wir. Die Altstadt war teilweise in türkischer Hand. Überall lateinische Buchstaben mit türkischen Hinweisschildern. Darüber hinaus Blockwohnhäuser aus der Sowjetzeit. Ich bin mir nicht sicher, ob ich sie schön fand, auf jeden Fall bemerkenswert. Vier bis sechs Stockwerke hoch, eine Batterie an Wohnungen. Zur Straße hin Balkone. Das Bemerkenswerte war jedoch, dass die Fassade jeder Wohnung anders gestrichen oder anders ummantelt war. Bei einigen war es ein einfaches Wellblechkonstrukt, andere hatten eine Holztäfelung, wieder andere hatten ihren Wohnungsbereich bunt gefärbt, so dass für den Betrachter ein wilder Flickenteppich entstand. Zwischen zwei Blocks über die Straße hingen Wäsche an einer Leine. Etwas weiter sah man die Neubauten, Hotel und Spielhalle in einem. Diese lagen näher am Meer. In einer kleinen Straße war ein Bauernmarkt aufgebaut. Darin fanden sich kleine Mengen Obst und Gemüse; etwas weiter hatte ein Bierbrauer ein großes Bierfass auf einen Holzkarren gestellt und verkaufte sein Selbstgebrautes; ihm gegenüber ein Tabakbauer, der loses Rauchwerk feilbot. Zugegeben ungewöhnlich, zumal die Zigaretten hier nicht besonders teuer sind. Diese sind neben Alkohol Schmuggelgut Nummer zwei, die hier gekauft und auf der anderen Seite, in der Türkei, wo es eine hohe Alkohol-/ und Tabaksteuer gibt, weiterverkauft werden.
Der Tag neigte sich langsam seinem Ende zu und wir machten uns auf den Weg zurück zur Grenze. Nur waren wir sieben Personen und benötigten ein Großraumtaxi oder zwei Taxen. Am Stand wartete nur ein Wagen, ein sehr alter Mercedes, allerdings sehr gut gepflegt. Der junge Fahrer stieg aus und war der Meinung, er würde uns alle in den Wagen hineinbekommen. Wir mussten ihm nur mehr Geld geben, weil wir das Geld für das zweite Taxi ja sparen würden. Wir einigten uns auf den Preis und quetschten uns in den alten Benz. Vorne zwei, hinten drei nebeneinander und der Rest quer über die drei. Und als wir wie die Sardinen in der Büchse losfuhren, holte unser Fahrer von der Sonnenblende eine Ausflugskarte und meinte scherzhaft, ob wir nicht Interesse hätten, in die Berge zu fahren. Da lagen wir wirklich gequetscht übereinander und Schweiß floss in Schweiß über, doch den Witz fanden wir gut und lachten, soweit wir Luft holen konnten.


Blick aus dem überfüllten Mercedes auf der Rückfahrt


Die Grenze war furchtbar. Schon morgens, als wir rüber nach Georgien laufen wollten, hatte es uns zwei Stunden gekostet, weil, so die offizielle Entschuldigung, ein Computersystem ausgefallen sei. Wir standen dann stundenlang in der Sonne und warteten darauf, aus der türkischen Seite herausgelassen zu werden. Abends erwartete uns ebenso eine unglaubliche Schlange, die zum Teil durch die Baustelle verschuldet war, denn die türkische Seite hatte eingesehen, dass der Grenzübergang jetzt schon zu kollabieren drohte. (Also wird umgebaut und vergrößert.) Durch einen engen dunklen Korridor, unzählige Menschen zusammengepfercht, wo nirgends ersichtlich war, wo der Ausgang oder die Schalter waren, wodurch wir hinmussten – das jagte einem schon Panik ein. Dann eine totale Unruhe, vorne schrien die Polizisten, „Frauen und Kinder zuerst, Frauen und Kinder nach vorne“.

Schon drängelten sie von hinten, meine Schwester war am Rande einer Panikattacke. Wir, drei Frauen und zwei Kinder trennten uns vom Schwager und Bruder und liefen mit anderen Frauen und deren Kindern am engen Korridor entlang zwischen Massen von Männern zum Grenzhäuschen. Polizisten zogen die Kinder an einer kleinen Mauer hoch, denn durch die Baustelle kamen wir erst jetzt ins Hauptgebäude hinein. Drinnen Scangeräte für die Taschen und ebenfalls Schlangen. Doch die Beamten waren flott und haben uns durchgewunken. Es roch nach Alkohol, der irgendwo in dieser Halle kaputtgegangen war, vermutlich nicht gut verpackte Schmuggelware. Endlich hatten wir diese Odyssee hinter uns gebracht, trafen uns auf dem Parkplatz, doch wir mussten das Erlebte erst mal in aller Ausführlichkeit besprechen. Denn so machen das die Leute in der Türkei. Es wird sehr häufig darüber gesprochen. Meine Schwester dramatisierte heftig in ihren Erzählungen. Zugegeben; es war eng und unangenehm, aber das ist in einem überfüllten Rockkonzert nicht anders. Und immer, wenn sie anfing zu erzählen, dachte ich, wo war ich denn, als diese schrecklichen Dinge passierten. 

Und zum Schluss das berühmte Volkslied über Batum.








Samstag, 19. Januar 2019

Kurz vor dem Ziel

























Die Küstenstraße ab Trabzon kannte ich sehr gut. Früher, in meiner Kindheit, bin ich sie sehr viel gefahren. Sie ist kurvenreich und schmiegt sich eng an die steile Küste an. Hinter dem Flughafen von Trabzon kamen all die Erinnerungen mit meinem verstorbenen Vater hoch, wie er mich von dort abholte und sein Fiat Doblo die linke Spur der neuen Autobahn nie verließ, als habe er die ganze Zeit darauf gewartet, eine Straße zu haben, worauf er eben schnell fahren konnte, sofern man beim Doblo von schnell überhaupt sprechen kann. Mein Vater fuhr gerne schnell, und immer, wenn er die Gelegenheit dazu hatte, drückte er aufs Gaspedal. Meine Mutter schimpfte dann vom Rücksitz, er solle sich schämen, wie ein hormongesteuerter Jüngling zu fahren; er möge sich bitte seiner schlohweißen Haare besinnen und auf die rechte Fahrbahn wechseln, wo alle „Rechtschaffenden“ fuhren. Es ging alles gut. Er fuhr unfallfrei, sein Leben lang. Nur wurde er oft von der Polizei angehalten und musste zur Freude meiner Mutter hohe Strafen zahlen. Und die beiläufigen Bemerkungen der Polizeibeamten ertragen, wobei mein Vater sich wegen so etwas nie geärgert hatte. Er lachte mit dem jungen Beamten, als dieser ihn fragte, ob er Opa sich nicht schäme, zu rasen. „Ich kann das“, antwortete er ihm darauf, „ich kann mir das leisten.“ Neben ihm auf dem Beifahrersitz hatte ich nie Angst. Sein Doblo flog über die Mittellinie, wenn mein Vater die Kurve nach rechts nahm und meine Mutter hinten laute Gebete gen Himmel sandte, als hätte ihr letztes Stündlein geschlagen. Oft denke ich, ist er gerade auch deswegen so schnell gefahren, um sie zu ärgern. Er hatte einen feinen Humor, und ich lachte mit.




Und wie auch etliche Male mit meinem Vater, hielten wir in Vakfıkebir an, um das berühmte Brot zu kaufen. Traditionen werden weitergelebt, und ich kann mit Recht behaupten, dass 90% der Privatreisenden in diesem kleinen Örtchen anhalten, um Brot zu kaufen. Dazu muss man die Schnellstraße nicht mal verlassen, denn sie führt mitten durch den Ort. An ihren Säumen rechts gegenüber dem Meer gibt es die Bäckereien, die überall in der Türkei ähnlich aussehen: ein Verkaufsraum mit einer sehr großen Vitrine voller riesiger Brotlaibe. Die Brote hier werden allerdings nicht mit Hefe, sondern mit Sauerteig hergestellt. Ein Weizenbrot mit dicker Kruste und Sauerteig. In der Tat lohnte sich der kleine Aufenthalt. Mein Schwager ging mit meiner Schwester hinein. Ich blieb mit den Kindern im Auto, weil wir nur Brot kaufen wollten, also eine schnelle Angelegenheit. Doch dann kam meine Schwester mit einem Glas Tee auf der einen Hand und geschnittene Brotscheiben in der anderen zu uns. Der Bäcker meinte, er ließe niemanden ohne Verkostung gehen. Und als sie den Einwand machte, sie hätte keine Zeit, weil wir im Auto warten würden, schickte er sie mit Tee und Brot eben zu uns.

Und dann sah ich meinen Schwager durch das Fenster, wie er dastand, Tee trank und sich mit dem Bäcker unterhielt. Später, als wir alles erledigt hatten und weiterfuhren, gab er uns den Inhalt des Gespräches wieder. Der Becker hatte gefragt, woher man käme, wohin man ginge, woher denn die Eltern stammten, weil Murat Istanbul als seinen Geburtsort genannt hatte. Aber die meisten kamen aus anderen Teilen der Türkei nach Istanbul; die wenigsten sind echte Istanbuler seit Generationen. Und so verläuft eine typische Unterhaltung, wenn sich zwei Fremde sich begegnen, ganz nach dem Thema der Abstammung. Die Frage dient nicht zur Differenzierung, wie man vielleicht annehmen könnte. Es ist der Beginn der Suche nach Gemeinsamkeiten, eines gemeinsamen Themas, was beide interessieren könnte, oder worüber beide etwas zu sagen hätten. So betrifft die Frage, woher man kommt, also die nach der Abstammung, der Region, der Stadt nicht nur den Gefragten, sondern ebenso den Fragenden. Denn dieser beantwortet seine gestellten Fragen ebenfalls. Je näher diese Regionen oder Orte sind, desto näher fühlen sich die Fremden und die Unterhaltung vertieft sich auf die Sehnsüchte oder Besonderheiten dieser Gegend. Wenn Fremde die gegenseitige Herkunft nicht kennen oder wenn es auf beiden Seiten Vorurteile gibt, dann bleibt das Gespräch auf der Ebene der höflichen, gegenseitigen Belobigungen, die aber nicht sehr tief gehen und sich oft auf das Thema Essen beschränken. Nun auch hier, als mein Schwager erzählte, dass sein Vater aus Bitlis stammte, eine Provinz aus der Kurdenregion da habe der Bäcker gefragt, was er denn in Rize wollte, halb aus Spaß, halb aus echter Neugierde, denn diesen Begegnungen liegt die Neugierde zu Grunde. Mein Schwager musste im weiteren Verlauf des Gespräches nun detailliert etwas von seiner Frau wiedergeben, die zwar ebenso in Istanbul lebte, aber aus Rize stammte, und er musste von mir erzählen, von den Kindern und von unserer gemeinsamen Reise nach Rize. Und da muss sich der Bäcker seiner Vorurteile gegenüber Bitlis bewusst geworden sein, da habe er erzählt, dass er mal Honig gegessen hätte, aus Bitlis, den besten, den er kannte. Meinem Schwager war nicht bewusst, dass es überhaupt Honig aus Bitlis gab. Nach unserer Rückkehr nach Istanbul hat er tatsächlich nach dem Honig gesucht und ihn auch gekauft. Sehr lecker.

















Unsere Reise wurde mit dieser Wiedergabe der Begegnung beim Bäcker weitergeführt. Es ist üblich in der türkischen Kultur, dass gerne und viel erzählt wird und oft in Wiederholungen, zum einen das Heraufbeschwören des guten Gefühls dieser Momente, zum anderen oft bei gemeinsam Erlebtem, sodass jeder ein Detail dazu gibt und somit der Moment in seiner Aufnahme merklich mehr Infos beinhaltet. Dabei gibt es nichts, was ausgelassen wird, nichts ist bedeutungslos, alles wiedergebbar, alles. So war auch dieser kleine Aufenthalt wahrlich länger als gedacht und erhofft. Aber, sollte eine Reise auch nicht immer eine Begegnung mit Menschen sein? In Erinnerungen bleiben doch diese Gespräche. Und hier und da kommen sie hoch, wie Blasen im Hefeteig (oder im Sauerteig, denn auch er wirft Blasen). Man redet dann von Menschen und ihren Geschichten. Unsere Reise kam langsam zu der Etappe, wo wir eine Weile, genauer gesagt eine Woche, verweilen würden. Und kurz vor Of, einem kleinen Städtchen an der Provinzgrenze von Rize, also als wir das Ortseingangsschild sahen, musste ich den berühmten Satz meiner Mutter wiederholen, den sie immer an dieser Stelle sagte, als sie, Vater am Steuer, mich vom Flughafen abholten und wir zum Dorf nach Hause fuhren. Da hörten wir meine Mutter auf dem Rücksitz die „Klage des Geistlichen aus Of“ wiederholen.

Der Legende nach rief der Imam von Of aus den Minaretten seinen Wunsch nach Nudeln. In früheren Zeiten, auch noch in meiner Kindheit, haben die Imame ihre Mahlzeiten von der Gemeinde bekommen – das Frühstück ausgenommen, war das Mittag- und Abendessen aufgeteilt, so dass jeder Haushalt abwechselnd einen Tag den Dorfgeistlichen mit Essen versorgte. Es war vermutlich im Herbst, wo es oft Kürbis gab, sodass der Imam jeden Tag ihn zu essen bekam und sich nach Nudeln sehnte und dann den Gläubigen nach dem Aufruf zum Gebet direkt sein Leid klagte. „Oh du herzloser aus Of und dein Weib mit verschissenem Hintern, wie könnt ihr an vierzig Tagen 40 Kürbisse mich essen lassen? Nudeln, Nudeln, verlangt mein Herz!“ Diese kleine Anekdote kennt jeder und führt es als Beweis für den Geiz der Bewohner von Of.

















Diese hatte ich eben all die Jahre gehört, als mich meine Eltern gemeinsam vom Flughafen abgeholt hatten. Und als ich das im Auto erwähnte, konnte mir meine Schwester vergewissern, dass sie diese Anekdote ebenfalls kannte, erzählt von meiner Mutter genau an jener Stelle, wo das Ortseingangsschild sichtbar wurde.



Ander Sevdaluk 



Dienstag, 1. Januar 2019

Giresun (Κερασοῦς), die Stadt der Kirschen

Burg von Giresun






































Die Burg thronte auf einen Hügel oberhalb der Stadt. Historisch wenig erforscht. Keiner weiß genau von wem sie erbaut wurde. Wir gehen durch die Mauer, die recht gut erhalten ist. Drinnen eine Zisterne, die sich mit dem Regenwasser füllte. Und ein verschwenderisch schöner Bach, der künstlich angelegt war und vermutlich das überflüssige Wasser aus der Zisterne abtragen sollte. Sie ist wie aus einem Märchenfilm, fließt zwischen vermoosten Steinen, sammelt sich in Becken, um daraus den Hang fortwährend runterzulaufen, leise plätschernd. Wer das auch immer so machen ließ, der hatte Ahnung von zarter Poesie. 

Ansonsten war der Ort fest in Touristenhand. Einheimische wie ausländische flanierten auf den Wegen zwischen hohen Bäumen, die das Innere des Burgs nun belebten. Kleine Spielplätze, Tische fürs mitgebrachte Essen, Teeverkäufer und sonstige Klimbim-Anbieter säumten den kleinen Platz am Ende der Autostraße.

Wir bestellten uns eine kleine Teekanne, die mit dem Ofen gebracht wurde. So macht man das hier. Man setzt sich auf die Holzbänke und trinkt den Tee aus kleinen Gläsern. Zwei Kannen übereinander auf einem provisorischen Ofen, der unten mit Holz gefeuert wurde. Die Arglosigkeit der Türken lässt mich immer wieder bewundern, denn wir befanden uns in einem dicht bewachsenen Wald.

Aber das kannte ich auch aus dem großen Bazar in Istanbul. Da gab es Dönerbuden, mittendrin, traditionell mit Holzfeuer. Es ist schon einige Jahre her. Ich weiß nicht mehr, ob es heute den Laden gibt, die uns einfach so zum Tee eingeladen hatte, weil wir stehengeblieben und ihnen beim Anlegen des Spießes zugeschaut hatten. Erst wurde eine dicke Zwiebel aufgespießt, darauf Fleischlappen drapiert, dann eine Schicht Hammelfett, dann wieder Fleisch, links und rechts , immer wieder festgedrückt. Und einer hatte die Holzscheite im Ofen hinter dem Spieß aufgeschichtet und angezündet. Das Feuer züngelte nach allen Seiten. Der Spieß war noch nicht angebracht. Die Scheite mussten sich erst zur Glut herunterbrennen. Bis der Fleischklopps die erforderliche Größe entwickelt hatte, gab es ja genügend Zeit dafür. 

Das war damals so ein unerwartetes Schauspiel, als mein Mann und ich in den Morgenstunden durch den großen Bazar marschierten und uns diese Emsigkeit des kleinen Dönerladens auffiel. Wir blieben stehen, erstaunt über alle das, was dort passierte. Wir befanden uns in einem historischen Gebäude und da machten sie einfach Feuer.
Sie hatten uns ebenfalls bemerkt, wie wir da standen und sie anstarrten, ja vielleicht auch begafften, mit offenen Mündern, und hin und wieder deren Handfertigkeit miteinander in unsere, ihnen fremde Sprache kommentierten. Da lächelten sie uns an, baten uns näher zu kommen. Ich verstand sie, bedankte mich auf Türkisch und nahm das Angebot an. Sie boten uns Sitzplätze an, und bestellten bei einem vorbeigehenden Tee-Jungen zwei Gläser. Denn wir waren deren Gäste. So blieben wir, plauderten und tranken unseren Tee aus. Als mein deutscher Mann den Tee bezahlen wollte, hielt ich ihn davon ab. Das machte man nicht, ein Dankeschön genügte. Diese Gastfreundlichkeit ist in den Städten am Abnehmen, doch in den kleinen Dörfern und Orten begegnet man ihr noch des Öfteren. 


Zisterne mit angelegtem Bach

Auf der Burganlage

Blick auf die Stadt Giresun











































Wir tranken unseren Tee, schlenderten über die Burganlage, die einen herrlichen Ausblick auf die Stadt bot und machten uns anschließend auf dem Weg um die berühmten Giresun Evleri (die typischen Häuser der Stadt) zu finden. Die Navigation irrte sich in engen Gassen und wir beschlossen einen Bewohner nach dem Weg zu fragen. Er kam die Straße entlang, in der einen Hand ein Laib Brot in einer Tüte. Vermutlich hatte ihn die Frau losgeschickt, fürs Essen frisches Brot zu besorgen. Mein Schwager fragte ihn durch das geöffnete Fenster. Der Mann bückte sich leicht nach vorne und sagte, dass wir uns bereits in diesem Viertel befänden. Nur, mit dem Auto wäre das nicht gut. Wir sollten zu Fuß laufen. Viele der Häuser gäbe es leider nicht mehr. Sie mussten schon vor Jahren weichen, aber ab und an würde man das eine oder andere doch noch sehen. Und dann sah er uns an, zwei Frauen und zwei Kinder, sah, dass wir einen ziemlich weiten Weg hinter uns hatten, denn entsprechend sah es im Auto aus. Da fragte er, wohin wir so eigentlich wollten. Mein Schwager nannte unser Ziel, die Stadt Rize. Er lachte, das sei noch eine lange Strecke. Ob wir nicht aussteigen und mit zu ihm gehen wollten, auf einen Tee, oder eine Kleinigkeit essen. Er selber wohnte in einem dieser alten Häuser, so hätten wir die Möglichkeit, eins sogar von innen zu betrachten. Wir waren alle sehr gerührt, doch mussten wir leider weiter fahren. Der Weg, sagte mein Schwager, der sei noch lang. Und so äußerte der Fremde sein Bedauern und wir verabschiedeten uns. Später, als wir uns diese Geschichte immer und immer wieder erzählt hatten, fanden wir es doch schade, nicht die Zeit genommen und die Einladung angenommen zu haben. Mir ist zudem aufgefallen, dass eine auch ernstgemeinte Herzlichkeit, eine Einladung ein Entgegenkommen oft nicht angenommen wird. Es bleibt oft bei einer rhetorischen Höflichkeit. Das wäre eine gute Gelegenheit gewesen, diese Attitüde zu brechen und nicht alles dankend abzulehnen. Wir waren noch am Anfang unserer Reise. Wer weiß, vielleicht werden wir das irgendwann doch noch können.



"Divane asik", eine meiner Lieblingslieder aus der Gegen, aus meiner Gegend. 














Mittwoch, 19. Dezember 2018

Zwischen Ünye und Ordu

Jason Kapelle in Ordu

Es wurde spät, wir hatten die Verzögerungen aufzuholen. Die Nacht war in Ordu geplant, doch der Weg bis zu diesem Küstenort war weit. Wir fuhren nun entlang der östlichen Schwarzmeerküste. Obwohl das gleiche Meer, war hier das Liebliche weg. Hier hatten wir einen Temperatursturz von gefühlt 20 Grad. Es regnete. Ein Gefühl von Heimat ergriff mich und sagte mir innerlich „das ist das tatsächliche Schwarzmeer, eben, da wo das Meer dunkel ist.“
Blick aus dem berühmten Teehaus "uzun saclinin yeri"


Ordu war noch sehr weit. Wir fuhren durch Samsun, die berühmte Stadt, wo Atatürk mit seinem Schiff ankam, um die Bevölkerung für den Widerstand gegen die Siegermächte zu mobilisieren. Das wurde uns in der Schule beigebracht. Der 19. Mai ist ein nationaler Feiertag, zu Ehren dieser Landung in Samsun. Die Stadt ist keinen Besuch wert, beschlossen wir. Denn wir waren schon mal da. Meine Eltern lebten eine zeitlang hier, als meine jüngste Schwester hier studierte. Eine breite Straße an der Küste, die Hauptstraße, die wir von Westen nach Osten durchfuhren. Was gibt es sonst darüber zu erzählen? Mir fällt nichts ein. Eine alte Trabantenstadt, die viele aus anderen Gegenden der Türkei anzog. Hier wurden staatliche Fabriken gebaut.

Es war bereits sehr spät, als wir in Ünye ankamen, ein kleines Städtchen auf dem Weg nach Ordu. Wir telefonierten vorher mit Hotels und reservierten zwei Zimmer direkt in der Stadt. Die Zimmer waren sauber. Wir hatten zwei große Betten darin, einen orientalischen, üppig gerafften Samtvorhang und ein geräumiges Bad mit Dusche. Die Städte an der östlichen Schwarzmeerküste bekommen vermehrt Touristen aus dem arabischen Raum. Dazu passen auch diese hohen Betten mit Gold durchzogenem Bettüberwürfen und der Vorhan.
Unser Abendessen war hingegen sehr bescheiden. Ein berühmtes Restaurant der Stadt, wo uns eine traditionelle Küche erwartet hätte, hatte bereits geschlossen. Es war zwar erst neun Uhr, aber dieses Restaurant nahm keine neuen Gäste mehr auf.

Wir hatten Hunger, so ließen wir uns in einem Imbiss nieder. Auf kleinen Tischen und Stühlen vor dem winzigen Laden, worin der Koch uns Dürüm servierte. Dürüm sind kleine Fleischstücken, die in sehr dünnes Fladenbrot eingerollt werden, ähnlich wie Wraps.

Später machten wir einen Spaziergang. Es nieselte leicht, von irgendwoher kam Livemusik. Auf einem Platz waren kleine Hütten aufgestellt. Eine Band spielte auf der Bühne, Menschen schlenderten entlang der Hütten oder tanzten vor sich hin. Es war eine Schlussveranstaltung  von Ramadan-Festivitäten, die im Fastenmonat abends in den Städten stattfindet. Es ist dann ähnlich wie Weihnachtsmarkt in Deutschland, mit kleinen Buden, wo Künstler ihre Handwerkserzeugnisse ausstellen und verkaufen. Diese Hütten gehören der Stadt. Sie sind genormt, alle gleich. Der Mieter schmückt sie nach seinem Geschmack. Neben Handwerkschmuck gibt es Essensstände und eine Bühne für Musik. So wird im Fastenmonat das gesellschaftliche Leben auf die Abend-/ und Nachtstunden verlegt. Nach dem Sonnenuntergang gehen sie raus, alle miteinander. Oft gibt es für Kinder ein Karussell oder andere Fahrmöglichkeiten.

Dieser Platz hier war umzäunt von einer portablen Mauer, der zwei Eingänge hatte. Wir wurden beim Hineingehen kontrolliert. Der Eintritt war kostenlos. Der Ramadan war zwar schon vorbei, aber dieser Festplatz war noch nicht abgebaut. Aber das wunderte hier niemanden. Wir gingen die Stände durch und tanzten zur Musik, bis die Kinder müde waren und ins Bett gehen wollten. Den Rückweg ins Hotel nahmen wir über die Strandpromenade und spazierten dort, wo Cafés und Restaurants noch geöffnet waren, wo wir das Meer zwar nicht sehen, aber umso deutlicher hören konnten. Im Hotel gingen die Geräusche der Straße in den Regen über.

Das berühmte Lied "Hekimoglu", gleichnamiger Held, der nach der Legende zwischen Ünye und Ordu erschossen wurde. Dieses Lied war unter anderem eines der Musikstücke, die uns im Auto begleiteten. Hier habe ich eine Interpretation von Paul Dwyer, der das Lied mit Gitarre begleitet. 

Diese Version ist eher eine traditionell. 

Der nächste Tag brachte uns nach Ordu, wo wir eigentlich übernachten wollten. Das Wetter war deutlich kühler als beim Start unserer Reise. Das Schwarze Meer begleitete uns silbrig. In Ordu selber gab es wenig zu sehen, also beschlossen wir, mit der Seilbahn in die Berge zu fahren. So saßen wir in einer kleinen Kabine, fuhren über die Häuser der Stadt, über Dächer und Minaretten hinaus, bis wir alles hinter uns ließen und um uns herum das Grün herrschte. Nur das Wetter hatte hier nicht mitgespielt. Es regnete, als wir aus der Gondel ausstiegen. Nebel herrschte, der Blick kaum 50 Meter weit. Wir machten einen kleinen Spaziergang bis zum Restaurant, kauften vom Händler handgemachte Zwillen für die Kinder. Im Lokal herrschte große Betriebsamkeit. Es war ein riesiger Laden auf zwei Etagen am Hang, große Fensterfront mit Sicht auf die unter uns liegende Stadt, nur dass wir heute nichts sehen würden. Neben uns überall Touristen aus dem arabischen Raum, mit allen Familienmitgliedern und vielen Kindern.  Link: https://www.teperestaurant.com/

Sicht über Ordu aus der Gondel






Die Türken sind verrückt nach Kindern, auch wenn die Männer, die hier bedienten, sehr viel zu tun hatten mit den Bestellungen; eine nette Geste oder ein freundliches Wort, eine streichende Hand über das Köpfchen eines lächelnden Kleinkindes oder ein Kniff an der dicken Backe eines Babys beim Vorbeigehen. Es ist fast so, als würden sie das intuitiv tun, als wäre das dazu gehörig, wie das Begrüßen der Erwachsenen, eben als spezielle Anrede für Kinder. Aus Deutschland kennt man das nicht und wer jetzt unangenehme Gedanken hat, dass sein Kind von Fremden betätschelt wird, dem kann ich versichern, dass diese Leute selber Kinder haben und dass es eben zur Kultur des Landes gehört, den Kindern große Aufmerksamkeit zu schenken. So wurde meine Tochter als Baby von jedem berührt oder angelächelt. Nun ist sie groß, sie wird nicht mehr angefasst, sie wird jetzt wie eine Erwachsene behandelt und gefragt, was sie essen möchte.

Ordu Teleferik istasyonu



Wir bestellten typische Gerichte aus der Region, die ähnlich schmecken wie aus meiner Heimat, die etwa 300 km weiter östlich liegt, wohin wir anschließend unsere Reise fortgesetzt haben. So kurz vor dem Ziel, unserem Dorf, war die Stimmung im Auto heiter und aufgeregt. Kinder fragten, wann wir ankämen. Die Lieder wurden nur noch aus der Region ausgewählt. Doch wir machten noch einen Halt in Giresun, um zuerst die alte Burg zu besichtigen und anschließend die berühmten Viertel der Stadt mit den historischen Häusern.

Der Weg ist immer das Ziel

Am nächsten Tag, kurz vor der Abreise, sind wir zu den drei konischen Grabstätten (Kümbet) gegangen, die aus der Zeit der Seldschuke...